Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Speck-drum-Wetterau

 

Artikel vom 26.03.2013 Wetterauer Zeitung:

Nach Magenbypass-OP: Verblüfft beim Blick in den Spiegel

Bad Nauheim-Steinfurth (ihm). Wer hat nicht schon mal mit seinem Gewicht gekämpft, gehungert und Kalorien gezählt? Was sich bei dem einen jedoch auf einige lästige Kilo beschränkt, kann bei dem anderen ein Riesenproblem sein. Viola Eisenblätter aus Steinfurth ging es so.

 
Viola Eisenblätter hat seit der Operation 62 Kilo abgenommen. (Foto: ihm)
Sie hatte massives Übergewicht, gegen das sie mit keiner Diät ankam. Letztes Jahr unterzog sie sich deshalb einer Magenbypass-Operation, nahm seither über 60 Kilo ab. Um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, gründete sie einen Adipositas-Stammtisch, der das nächste Mal am 12. April um 19.30 Uhr zusammenkommt. Laut Dr. Ingo Schumacher, Chefarzt am Friedberger Bürgerhospital, handelt es sich bei der Adipositas-Chirurgie um ein anerkanntes Verfahren, das es schon seit den 50er Jahren gibt.

»Ich hatte schon mein ganzes Leben Übergewicht, schon mit zwölf Jahren machte ich meine erste Diät«, erzählt Viola Eisenblätter (34). In den letzten zehn Jahren sei es mit den Pfunden nur noch bergauf gegangen, vor der OP wog sie 152 Kilo. Veranlagung, viel gegessen und aufgehört zu rauchen: Das waren Faktoren, die das Übergewicht verursachten. »Weight Watchers«, Reis-Diät, Mahlzeitenersatz-Shakes und alle möglichen anderen Diäten halfen ihr nicht wirklich. Per Zufall sah Eisenblätter eines Tages im Fernsehen, wie Prof. Rudolf A. Weiner, Chefarzt am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt, über operative Möglichkeiten bei Adipositas sprach. Die Steinfurtherin begann, sich für diese Möglichkeit zu interessieren. Etwas ändern wollte sie auf jeden Fall, nicht mehr so weitermachen wie bisher, vor allem wegen ihres kleinen Sohnes. Er wurde immer mobiler, wäre gern mal mit der Mama ins Schwimmbad gegangen. Schon Babyschwimmen habe sie nicht mit ihm gemacht, es sei körperlich zu anstrengend gewesen, zudem habe sich wegen des Übergewichts geniert.

»Man ist eingeschränkt, das fängt beim Binden der Schuhe an, oder wenn man die Beine übereinanderschlägt.« Lokale, in denen Plastikstühle stehen, habe sie gemieden, aus Angst, der Stuhl könne zusammenbrechen. Nach der TV-Sendung informierte sie sich über die operativen Möglichkeiten und entschied sich für die Magenbypass-OP. Eine Genehmigung von der Krankenkasse zu bekommen dauerte zwei Jahre, sie musste klagen, bekam aber kurz vorm Gerichtstermin das Okay. »Normalerweise schreibt man einen Antrag und wird vom medizinischen Dienst begutachtet, bei mir wurde jedoch nach Aktenlage entschieden. Erst als ich Klage eingereicht hatte, kam der Medizinische Dienst. Anschließend wurde ich innerhalb von vier bis fünf Wochen operiert.«

 
Viola Eisenblätter vor ihrer OP.
Im Februar 2012 ließ sich Eisenblätter von dem Sachsenhäuser Arzt Weiner operieren. Der Eingriff erfolgte minimalinvasiv, trotzdem war es eine schwere OP, da der Magen bis auf einen kleinen Rest vom Verdauungstrakt abgetrennt wird. »Große Mengen zu essen geht nicht mehr. Wenn ich Pizza esse, dann nur noch zwei Stück bis ein Viertel«, berichtet sie. Innerhalb eines Jahres nahm sie 62 Kilo ab, die Pfunde seien nur so weggeschmolzen. Geht sie am Spiegel vorbei, ist sie immer noch verblüfft. Dreimal pro Woche geht die 34-Jährige ins Fitnessstudio, da sie Angst hat, der Magen könne sich wieder weiten und sie werde wieder zunehmen. Nebenwirkungen gibt es: Viele Speisen verträgt sie nicht mehr, täglich muss sie Eiweiß-Shakes und Vitamine zu sich nehmen. Um sich mit anderen auszutauschen und sich gegenseitig den Rücken zu stärken, gründete sie im Herbst den Adipositas-Stammtisch. Zwischen zehn und zwölf Teilnehmer kommen meistens, viele Operierte sind dabei, aber die Treffen richten sich an alle Menschen, die mit Übergewicht zu kämpfen haben. Jeden zweiten Freitag im Monat um 19.30 Uhr ist Zusammenkunft im Restaurant »Zum Goldenen Fass« in Friedberg. Wer Interesse hat, kann einfach kommen oder vorher bei Eisenblätter anrufen (Telefon 0160/253 39 06).

Adipositas-Programm am GZW

Adipositas-Operationen gibt es auch am Friedberger Bürgerhospital, wie Chefarzt Schumacher sagt. Das Gesundheitszentrum Wetterau (GZW) habe ein Adipositas-Programm, dem Vertreter der Fachrichtungen Ökotrophologie, Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie sowie Psychotherapie/Psychiatrie angehören. »Die Patienten können sich bei mir in der Adipositas-Sprechstunde vorstellen. Ich schaue mir die Situation an, was sie schon dagegen getan haben, welche Vorerkrankungen bestehen und welche strukturierten Leistungen gefordert werden.« Die Krankenkassen verlangten, dass die Patienten schon andere Schritte unternommen haben, wie halbjährige Ernährungsberatung, Sportprogramm und Verhaltenstherapie. Auch dürften keine Krankheiten vorliegen, die gegen eine OP sprechen. »Gängige Verfahren sind Magenband, Schlauchmagenbildung und Magen-Bypass, wobei wir viel Bypässe machen«, erläutert der Chefarzt. Dabei werde aus einem kleinen, stabilen Teil des Magens ein »Pouch« gebildet. »Der Patient hat nur noch einen ganz kleinen Restmagen, der an der Speiseröhre bleibt, und einen verkürzten Dünndarm. Der Magenrest bleibt in der Bauchhöhle und wird ausgeschaltet.« Es handele sich um ein anerkanntes Verfahren, das es seit Jahrzehnten gibt und zu denen Studien vorliegen.

In anderen Ländern hat die Adipositas-Chirurgie laut Schumacher einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, wo man vergleichsweise zurückhaltend sei und es auch schwieriger sei, eine Genehmigung von der Krankenkasse zu bekommen. Für eine Operation kommen laut Schumacher Patienten mit einem BMI ab 35 in Frage, sofern Erkrankungen an Herz, Bewegungsapparat oder ein Diabetes bestehen, oder Menschen ohne diese Erkrankungen mit einem BMI ab 40. Einschränkungen, die der Eingriff mit sich bringe, etwa eine gewisse Unverträglichkeit von Speisen wie langfaseriges Fleisch oder Gemüse, wögen bei weitem nicht so schwer wie massives Übergewicht, das die Lebenserwartung verkürze.
____________________________________________________________________________________________________________________

Artikel im Kreisanzeiger 24.04.2012:

Dick zu sein, ist immer noch ein Makel“

27.04.2012 - HIRZENHAIN

Stammtisch für Übergewichtige: „Speck-drum“ trifft sich am Freitagabend in Ortenberg - Adipositas ist eine Krankheit

(jm). „Unser Stammtisch nennt sich ,Speck-drum‘“, lacht Cornelia Strive. Der Name ist Programm. Die 53-Jährige hat einen Stammtisch für übergewichtige Menschen und deren Angehörige und Freunde ins Leben gerufen. Zum ersten Treffen vor zwei Wochen kamen acht Betroffene, für diesen Freitagabend hofft die Initiatorin auf viele neue Gesichter. Ziel ist es, Erfahrungen auszutauschen, mit Gleichgesinnten zu sprechen, einfach Spaß zu haben.

„Viele Adipöse gehen gar nicht mehr vor die Tür“, begründet Strive ihren Einsatz für den Adipositas-Stammtisch. Sie schämen sich, fühlen sich angestarrt und ausgelacht. „Da entsteht schnell ein Teufelskreis, bei dem sich alles nur noch um Kühlschrank, Fernsehen oder PC dreht“, kennt Strive die Probleme vieler Übergewichtiger. Bis zu ihrem Umzug in die Wetterau vor drei Jahren leitete Strive in Frankfurt eine Selbsthilfegruppe für Adipöse, außerdem ist sie im Vorstand der Adipositaschirurgie-Selbsthilfe Deutschland (AcSDeV). 

 

Dick zu sein, ist immer noch ein Makel, auch wenn es in Deutschland immer mehr übergewichtige Menschen gibt. Dicke leben oft mit dem Stigma, willensschwach zu sein. Menschen ohne Gewichtsprobleme können selten verstehen, dass Adipositas ist eine Krankheit ist.

Strive hatte schon früh Übergewicht. Schon als Kind sei sie pummelig gewesen, erinnert sich die Wahl-Hirzenhainerin. In ihrer Familie seien alle „kräftig“ gewesen. Natürlich gab es Versuche, das Idealgewicht zu erreichen, zumindest abzunehmen. „Nach jeder Diät hatte ich ein paar Kilo mehr“, teilt Strive die Erfahrungen vieler Abnehmwilliger. Denn: „Nur eine Diät zu machen, bringt nichts, außer dem Jojo-Effekt.“ Bei vielen Diäten schaltet der Körper den Stoffwechsel auf Sparflamme; eine Maßnahme, die in früheren Zeiten, als Essen noch nicht überall und jederzeit im Überfluss vorhanden war, überlebensnotwendig war. Doch wir leben heute nicht mehr in der Steinzeit. Wird eine Diät beendet, lagert der Körper - für Notzeiten, wie der gerade beendeten - Fett ein. Das Gewicht steigt, oft mehr als zuvor. Ein Teufelskreis entsteht.

Im Alltag haben dicke Menschen mit vielen Problemen zu kämpfen. Das fängt schon bei Alltäglichkeiten wie Kleidung oder Körperpflege an. „Es gibt schöne Kleidung für Dicke, aber die ist sehr teuer“, weiß Strive. „Und in sehr großen Größen etwas zu finden, ist sehr schwierig.“ Bei XXXL hörten die meisten Labels auf. Und dann die Cafébesuche. Auch bei schönstem Wetter sitzen Übergewichtige am liebsten drinnen, damit sie nicht angestarrt werden. „Die Stühle sind zu klein. Da kommen sie nicht mehr raus“, weiß Strive aus Erfahrung. Und dann die Blicke und Bemerkungen. „Muss die auch noch ein Eis essen!“ „Das wird uns einfach abgesprochen“, empört sich die Vollschlanke.

Adipositas sei eine Krankheit, die stigmatisiere. „Das Dicksein lässt sich nicht so leicht kaschieren.“ Und auch im Beruf spiele Diskriminierung eine Rolle. „Das vielleicht einzig Gute an Zeitarbeitsfirmen ist, dass man die Möglichkeit hat, in einer Firma seine Leistung zu zeigen“, hat die Empfangssekretärin erfahren. Oft flögen Übergewichtige schon am Anfang des Bewerbungsverfahrens raus, bekämen überhaupt keine Chance. „Es ist schade, dass Menschen nicht nach ihren inneren Werten, sondern nach dem Äußeren beurteilt werden.“

Den meisten Übergewichtigen ist durchaus bewusst, dass das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall hoch ist. Zum Abnehmen werden verschiedene Programme, bei denen Ernährungsumstellung, Bewegung und Verhaltensänderung eine Rolle spielen, angeboten. Diese Kombination hat die meisten Aussichten auf Erfolg. Doch bei sehr stark Übergewichtigen stößt auch das an seine Grenzen. Cornelia Strive entschloss sich zu einer Operation. Der Magen wurde stark verkleinert, der Zwölffingerdarm mit einem Bypass umgangen. „Das sind komplizierte Operationen. Und man braucht nachher viel Disziplin“, warnt die Betroffene vor Hoffnungen auf eine schnelle Lösung. 40 Kilogramm hat Strive seither abgenommen. Was sie am meisten stört? „Am schlimmsten finde ich, wenn Dicke abgenommen haben und dann mit anderen Dicken nichts mehr zu tun haben wollen und auf sie herabblicken .“

Der nächste Adipositas-Stammtisch findet heute Abend ab 19 Uhr im Ortenberger Hof in Ortenberg statt. Am Samstag, 5. Mai, ist von 10 bis 16 Uhr ein Flohmarkt für Übergrößen im Dorfgemeinschaftshaus Merkenfritz geplant. Wer Kleidung verkaufen möchte oder Fragen zum Flohmarkt oder zum Stammtisch hat, kann sich bei Cornelia Strive unter der Rufnummer 0171/2490656 melden.

 



BMI-Rechner:  hier klicken